Elternschaft & Alltag

Vereinbarkeit beginnt dort, wo Perfektion endet

Über Elternschaft, Erschöpfung und geteilte Verantwortung. Gedanken aus meinem Interview mit Tadah.

«Ich kann alles machen. Allerdings nicht gleichzeitig.» Seit ich Mutter bin, begleitet mich dieser Satz. Er erinnert mich daran, dass Vereinbarkeit nicht bedeutet, im Beruf, für die Kinder, in der Partnerschaft und für mich selbst jederzeit gleichermassen verfügbar zu sein.

Für ein Interview mit dem Magazin Tadah habe ich über Vereinbarkeit gesprochen – als Mutter und als Psychotherapeutin, die Eltern in Phasen der Erschöpfung begleitet. Dabei begegnet mir immer wieder dieselbe Vorstellung: Wenn man nur gut genug plant, müsste doch alles aufgehen. Der Familienalltag erzählt oft eine andere Geschichte.

Für viele Eltern beginnt nach der Erwerbsarbeit die zweite Schicht: einkaufen, kochen, waschen, Termine organisieren, Streit schlichten, zuhören. Ist endlich Ruhe, läuft die To-do-Liste im Kopf weiter. Gleichzeitig sollen Eltern im Beruf engagiert sein, ihren Kindern geduldig begegnen, ihre Beziehung pflegen und auch noch Zeit für sich finden. Das Bild müheloser Vereinbarkeit ist allgegenwärtig. Die Anstrengung dahinter bleibt meist unsichtbar.

Anspannung gehört zum Leben. Fehlt die Erholung über längere Zeit, wird daraus aber Überlastung. In meiner Praxis erlebe ich, dass viele Eltern früh merken, wie ihre Kräfte schwinden – und trotzdem weitermachen. Auf Dauer kann das krank machen, psychisch wie körperlich.

Diese Erschöpfung ist nicht allein ein persönliches Problem. Vereinbarkeit wird häufig behandelt, als müssten Familien bloss ihre Abläufe besser organisieren. Doch der Alltag hängt auch davon ab, wie wir arbeiten, Betreuung ermöglichen und Verantwortung verteilen. Noch immer übernehmen Frauen einen grossen Teil der Care-Arbeit – oft zusätzlich zu ihrer Erwerbsarbeit. Zur sichtbaren Arbeit kommt die unsichtbare: an alles denken, vorausplanen, koordinieren.

Das lässt sich nicht mit einem besseren Kalender lösen. Wir brauchen Arbeitsbedingungen, die Familienleben mitdenken, und eine Kultur, in der Teilzeit, flexible Arbeitszeiten und geteilte Betreuung selbstverständlich sind. Verantwortung für Kinder darf nicht automatisch zur Aufgabe der Mutter und zum Nachteil im Beruf werden.

Dazu gehört auch eine echte Elternzeit: für beide Eltern, finanziell so abgesichert, dass beide sie tatsächlich beziehen können. Sie würde Familien nach der Geburt entlasten und ihnen ermöglichen, Betreuung von Anfang an partnerschaftlicher zu gestalten. Im europäischen Vergleich hat die Schweiz hier noch viel aufzuholen.

Vereinbarkeit ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann abhaken kann. Sie verändert sich mit jeder Lebensphase. Nicht alles muss gleichzeitig möglich sein. Aber Eltern brauchen die Freiheit, Prioritäten zu setzen, Verantwortung zu teilen und auch einmal an ihre Grenzen zu kommen – ohne daran zu scheitern.

Das Gespräch bei Tadah

Das vollständige Interview «Nathalie à Porta: einen Schritt zurück, um vorwärts zu gehen.» erschien am 19. Januar 2023. Interview und Originaltext: Tadah.

Zum Originalinterview bei Tadah ↗